Eine kleine Geschichte des Vereins

TURN- und SPORTVEREIN HOLZERODE von 1921 e.V. – eine kleine Geschichte des Vereins

Gründung des ersten Sportvereins im Jahre 1921

Die 100jährige Geschichte des TSV Holzerode ist mit der allgemeinen politischen und kulturellen Entwicklung unseres Heimatortes eng verbunden. Der Rückblick in die Vereinsgeschichte ist deshalb auch durchgängig ein Stück Dorfgeschichte vom Anfang der 1920er Jahre, der ersten Jahre nach dem 1. Weltkrieg und dem Beginn der Weimarer Republik, bis in die heutige Zeit noch am Beginn des 21sten Jahrhunderts.

In der Notzeit nach Zusammenbruch des wilhelminischen Kaiserreichs, den Belastungen durch den verlorenen Krieg und den politischen Wirren um die Errichtung der jungen Demokratie regte sich überall in Deutschland neues gesellschaftliches Leben, auch bei uns in den Dörfern rund um die ‚alte Herrschaft Plesse‘. Die hier überwiegend in ärmlichen Verhältnissen lebende und politisch unterprivilegierte Landbevölkerung, Arbeiter und Kleinsbauern, wollte nun auch gleichberechtigt am öffentlichen Geschehen teilhaben und zur Gestaltung des eigenen Lebensbereichs aktiver beitragen. Holzerode war damals ein Ort von ca. 500 Einwohnern, in dem es außer dem Männergesangverein und dem Kriegerverein keine weiteren Angebote gab, um die – bei einer 6-Tage-Woche mit durchschnittlich 60 Arbeitsstunden – geringe freie Zeit mit sinnvollen Betätigungen in geselliger Runde zu nutzen; dazu gehörte neben der schon traditionellen Turnerei auch der noch junge Sport, insbesondere die immer populärer werdenden großen Sportspiele wie Fußball und Handball.

Die ersten Anstöße zu sportlichen Aktivitäten gingen in Holzerode von einem Kreis junger Männer aus, der sich 1920 in der Gastwirtschaft Heinrich Degenhardts, dem „Krug“, zusammengefunden hatte und zunächst dem Fußballspiel zugetan war. Schon bald danach trat man mit zwei Mannschaften untereinander an; in noch inoffiziellen Spiele kämpfte eine 1. Mannschaft in blau-weißen Trikots gegen eine 2. Mannschaft in rot-weißen, den späteren Vereinsfarben. Bald wurden auch Vergleichsspiele mit Mannschaften aus den Nachbarorten durchgeführt, dort, wo im Sport die gleiche Aufbruchsstimmung herrschte und sich schon vorher junge Sportler organisiert hatten. Die ersten Holzeröder Fußballer verfügten auch schon über einen echten Lederball, den die besonders engagierten Aktiven Walter Dietrich, Wilhelm Vollbrecht und Karl Schnur eigens per Fahrradtour aus Göttingen herbeigeschafft hatten. Wenngleich es diesen ersten sportlichen Aktivitäten im Sommer 1920 auch noch Stetigkeit fehlte, so wirkten sie jedoch ermutigend und brachten Bewegung in die Etablierung einer festen Sportkultur im Dorfe. Dabei folgte man den Vorbildern in den nächsten Nachbarorten Spanbeck, Ebergötzen, Oberbillingshausen oder Gillersheim, wo entweder wie in Spanbeck und Ebergötzen schon seit der Vorkriegszeit ein Turnverein bestand  (seit 1913 in Spanbeck „Treu deutsch“ und in Ebergötzen der „Männerturnverein“) oder in dieser frühen Nachkriegszeit wie wiederum in Spanbeck, aber auch in Oberbillingshausen und Gillersheim gerade Neugründungen erfolgt waren (1919 in Oberbillingshausen der Arbeitersportverein „Frisch auf“, in Gillersheim der Arbeitersportverein „Eintracht“ sowie 1920 in Spanbeck ein zweiter Verein, der Arbeitersportverein „Vorwärts“). Am 01. Juni 1921 fanden sich also in Holzerode im Vereinszimmer des Gasthauses Rühling, der „Linde“,  28 sportinteressierte Männer ein und gründeten den ersten Sportverein in Holzerode, den „Freien Jugend-, Turn- und Sport-Verein“, der sogleich Mitglied im deutschlandweiten Dachverband des Arbeitersports, dem „Arbeiter-Turn- und Sportbund“ (ATSB) wurde. Unter den Gründern findet man viele vertraute Namen, die das sportliche Leben in den 1920er und 1930er Jahren prägten. Dazu gehörten aus dem Kreis der Älteren Philipp Schilling, Robert Dankenbrink, Georg Bährens und Otto Finke sowie eine größere Anzahl jüngerer Sportbegeisterter wie Walter Dietrich, Wilhelm Vollbrecht, Wilhelm Rühling, Karl Kolle, August Waldmann, August Dietrich, August Lechte, Karl Schnur, Wilhelm Gebhardt, Karl Lechte, Heinrich Bährens, Richard Waldmann, Wilhelm Schnur, Karl Vollbrecht, Wilhelm Linnemann und einige namentlich nicht mehr feststellbare.

Zum Vereinsvorsitzenden wurde der aus Gillersheim stammende Otto Finke gewählt. Dass man sich sogleich mit der Vereinsgründung als Arbeitersportverein dem zum sozialdemokratischen Lager gehörenden ATSB anschloss, konnte nicht verwundern, denn der größte Teil der Bewohner des Dorfes gehörte in den 20er Jahren zum Arbeiterclientel, das hier jetzt auch schon einen SPD-Ortsverein und ein kleines Gewerkschaftskartell gegründet hatte. Viele von ihnen verdienten ihren Lebensunterhalt im Kalibergwerk Reyershausen, in der Ziegelei „Hölle“ oder in der Forstwirtschaft als Waldarbeiter, daneben bewirtschaftete man eine kleine ‚Scholle‘ mit etwas Vieh zur Selbstversorgung und lebte zumeist immer so am Existenzminimum.

Mit großem Engagement nahm man nun den Sportbetrieb und bald gewann der Verein großes Ansehen im ganzen Ort. Die Mitgliedschaft erweiterte sich schnell und neben der Männerturnriege konnte auch eine Jugendgruppe aus schulpflichtigen Mädchen und Jungen eingerichtet werden. Die Tatsache, dass man sich als Arbeitersportverein verstand, hinderte zunächst auch die sog.  „Bürgerlichen“ (die selbständigen Bauern und Handwerker) nicht an einer Mitgliedschaft – der Verein war offen für jedermann, der Sport treiben wollte.

Erste Übungsstätten und das Sportprogramm

In der heutigen Zeit ist es kaum noch vorstellbar, unter welchen schwierigen Bedingungen in den Gründerjahren des Vereins das sportliche Geschehen ablief. Es gehörte schon viel Idealismus dazu, sich trotz einer 6-Tage-Woche, langen Arbeitswegen und zumeist schwerer körperlicher Arbeit noch dazu aufzuraffen, abends bzw. am Wochenende gemeinsam Sport zu treiben. Auch ein Sportplatz oder eine Sporthalle, wie sie uns heute selbstverständlich erscheinen, standen ja noch nicht zur Verfügung. Das sogenannte volkstümliche Turnen, die heutige Leichtathletik, fand auf primitiven Natursportstätten (Feldwegen und Wiesen) statt, die für den Übungsbetrieb durch Eigenleistungen immer wieder hergerichtet werden mussten. So dienten die alte Schulwiese in der Nähe des heutigen ‚Alten Friedhofs ‘und der Garten des Gasthauses Rühling im Sommer als Übungsstätten. Hier wurden der Weit- und Hochsprung sowie der Speerwurf geübt, während der Kurzstreckenlauf im heutigen Billingshäuser Weg ausgetragen wurde. Die Fußballer trafen sich schon damals auf der relativ weit vom Ort entfernten Forstwiese am Osterholz und niemand konnte damals ahnen, dass auf diesem Gelände der Holzeröder Fußballsport eine Generation später eine erste Glanzzeit erleben würde. Die Turner versammelten sich zu ihren regelmäßigen Übungsabenden zweimal in der Woche auf dem Saal des Gasthauses Rühling nachdem dieser als Neubau im Jahre 1923 fertiggestellt worden war.

Dass der Kassenstand des gerade gegründeten Vereins noch ziemlich mager war, tat dem Engagement keinen Abbruch. Im Gegenteil, die jungen Sportler fühlten sich dadurch nur um so mehr angespornt und legten tatkräftig Hand an, um die Vereinskasse nicht zu belasten. So schmiedeten die Brüder Wilhelm und Heinrich Linnemann auf ihrer Arbeitsstelle im Kalischacht Reyershausen selbst die erste Reckstange für den Verein. Und bald konnte auch ein erster Barren aus Mitteln der Vereinskasse beschafft werden. Unter diesen günstigen Bedingungen, nicht zuletzt durch die vorbildliche Leitung des Vorturners Georg Bährens, kurz „Schorse“ genannt, nahm das Geräteturnen einen kräftigen Aufschwung. Wilhelm Rühling entwickelte sich bald zum besten Mann an den Geräten und mit seinen Leistungen auch über die Ortsgrenze hinaus zum Stolz des jungen Vereins. Bei Wettkämpfen und festlichen Anlässen konnten die „Freien Turner“ in den 20er Jahren darüber hinaus mit einer heute vergessenen Spezialübung aufwarten. Acht Männer traten in Formation an und unter Musikbegleitung wurden schwere Hämmer in rhythmischen und synchronen Bewegungen von ihnen durch die Luft geschwungen. Mit dieser „Holzeröder Hammerübung“ konnten die beteiligten Turner natürlich immer viel Beifall ernten. Darüber hinaus war man immer gern gesehener Gast mit seiner Fahrradgruppe bei den Festen der befreundeten Vereine.

Die Spaltung des Vereins und die Gründung des zweiten Vereins „Treu deutsch“ im Jahre 1925

Es wurde bereits erwähnt, dass der erste Sportverein im Dorf aus der Tradition  der Arbeiterbewegung heraus entstanden war. Man wollte mehr sein, als nur ein loser Zusammenschluss von Sporttreibenden. Als bewusster Arbeitersportverein verstand man sich zugleich auch als eine politische Organisation, d.h. als eine „Kampforganisation für das arbeitende Volk“, wie es der aus Spanbeck kommende ATSB-Kreisgruppenvorsitzende Klapproth anlässlich einer Vorturnerstunde im Jahre 1924 zum Ausdruck brachte. Die als Höhepunkte des Vereinslebens alljährlich stattfindenden Turnerbälle waren in diesem Sinne auch eine politische Demonstration und die Teilnahme daran zugleich ein Solidaritätsbeweis für die eigene politische Überzeugung. Bei den durch die  Inflation, Arbeitslosigkeit, Streiks und Aussperrungen geprägten schwierigen gesellschaftlichen, vor allem wirtschaftlichen Verhältnissen in der ersten Hälfte der 1920er Jahre konnte selbstverständlich auch das sportliche Leben im Ort von den zunehmenden politischen Spannungen nicht unberührt bleiben. Derjenige Teil der Dorfbewohner, der aufgrund seiner Interessenlage eher „bürgerlich“ (so die sprachliche Unterscheidung im Dorf zwischen Arbeitern und Bauern und Handwerkern) dachte und orientiert war, sah im Arbeitersportverein zumeist einen letztlich nur noch „roten Club“, mit dem man politisch durchaus nichts gemeinsam haben wollte.

Unter diesen Umständen kam es Anfang 1925 – weniger aus sportlichen als aus politischen Gründen – zu einer schweren Erschütterung und schließlich zur Spaltung des ersten Sportvereins. Fast ein Drittel des inzwischen auf rund 50 Mitglieder angewachsenen Vereins verließen denselben und gründeten einen eigenen Turnverein, den „Deutschen Turn- und Sportverein ‚Treu deutsch‘ Holzerode“, der sogleich Mitglied in dem bürgerlich-konservativen Dachverband der „Deutschen Turnerschaft“ (DT) wurde. Bei der Gründungsversammlung im Postraum der Gastwirtschaft Degenhardt fanden sich 27 Gründungsmitglieder ein: August Linnemann, Wilhelm Hemmers, Paul Hemmers, August Meyer, Karl Meyer sen. und jun., Georg und August Linnemann, Wilhelm und Heinrich Dettmar, Heinrich Heise, Hermann Heinemann, Karl und Wilhelm Vollbrecht, Heinrich Sindram, Karl Linnemann, Heinrich Degenhardt, Otto Dettmar, Wilhelm Fahlbusch, Adolf und August Hartmann, Wilhelm und Richard Waldmann, Ludwig Dankenbrink, August Kolle, August Ernst und Otto Linnemann. Vereinslokal wurde das Gasthaus Lechte und als 1. Vorsitzender (auch „Präsident“ genannt) übernahm der Landwirt August Linnemann die Vereinsgeschäfte; sein Schriftführer wurde Wilhelm Hemmers, Vorturner August Meyer. Somit gab es in dem kleinen Ort Holzerode ab 1925 zwei stark miteinander rivalisierende Vereine mit fast dem gleichen sportlichen Programm, denn auch die „DeutschenTurner“ pflegten unter der Leitung ihres sehr aktiven Vorturners August Meyer vor allem das Geräteturnen und die Gymnastik. Die Übungsstätte dieses zweiten Vereins war zunächst der Saal des Gasthauses Heinrich Degenhardt, später der Saal des Gasthauses Fahlbusch, der bekannte „Strutkrug“ (heute der Reiterhof Krengel). Damit hatte sich in Holzerode die gleiche Entwicklung vollzogen wie vorher schon in Spanbeck und Gillersheim – übergeordnete poltische Differenzen spaltete nicht nur die sportliche Dorfgemeinschaft in zwei Lager, und das bei einer nur sehr kleinen Gesamtbevölkerung. Hinzu kam, dass in Reaktion auf die Spaltung im Sport auch im Männergesangverein von 1892 sich der gleiche Prozess vollzog, nur jetzt umgekehrt; die Arbeiter im MGV verließen den Verein und gründeten am 01. Mai 1925 auch einen zweiten Verein, den „Arbeitergesangverein Waldesgrün“. Im der „Amtlichen Statistik des Freistaates Preußen“ werden für das Erhebungsjahr 1926 für Holzerode im Bereich „Turnen, Sport und Wandern“  nun zwei Vereine ausgewiesen: Der „Freie Jugend-Turn- und Sportverein“ im ATSB mit insgesamt 32 Mitgliedern (davon 14 Jugendliche) und der „Deutsche Turn- und Sportverein“ in der DT mit ebenfalls 32 Mitgliedern (davon 2 Jugendliche).

Höhepunkte im Vereinsleben der 1920er Jahre

Die Rivalität und die Frontstellung der beiden Vereine belasteten in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre nicht nur das sportliche Treiben, sondern das gesamte politische und kulturelle Leben im Ort. Doch so bedauernswert und schmerzlich diese innere Zerrissenheit des örtlichen Vereinslebens von vielen Dorfbewohnern sicherlich auch empfunden wurde, weil sie zuweilen selbst Nachbarn und Familien trennte, auf die Begeisterung für den Sport und die erfolgreiche Entwicklung beider Vereine hatte dieser Gegensatz keine nachteiligen Auswirkungen. Man fühlte sich umso mehr angespornt und wollte nun erst recht erfolgreich sein. Die Arbeiterturner, die im Jahre 1923 in Nachfolge von Otto Finke und dem auch nur ein Jahr (1922) amtierenden Philipp Schilling den späteren (nach 1945) langjährigen Bürgermeister Karl Kolle zu ihrem 1. Vorsitzenden gewählt hatten, folgten konsequent ihrem Wahlspruch „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ und für die ‚Deutschen Turner‘ galt „treu deutsch“. Vom großen Arbeiterbezirksturnfest am 14. Juni 1925 in Northeim brachten die Arbeiterturner nicht weniger als 10 Siegerurkunden mit nach Hause, die u. a. von den damals besonders erfolgreichen ‚Vereins-Assen‘ Wilhelm Vollbrecht und Walter Dietrich errungen wurden. Und das erfolgreiche Auftreten bei zahlreichen Wettkämpfen brachte es mit sich, dass dem Verein für den Sommer des Jahres 1926 die Durchführung des jährlich stattfindenden Kreisgruppenturnfestes des Arbeitersports übertragen wurde. Das bedeutete natürlich eine hohe Auszeichnung für den gerade erst fünf Jahre bestehenden Verein. Nach gründlichen Vorbereitungen seit dem Winter war es endlich vom 18. bis 20. Juli 1926 soweit und in Holzerode wurde ein großes Sportfest gefeiert. 25 Vereine waren zu Gast, ganz Holzerode war in den Vereinsfarben rot und weiß geschmückt und rund 800 Aktive sowie mehr als 1000 Besucher (!) bewegten sich im großen Festumzug durch den Ort. Dieses gelungene Kreisturnfest war zweifellos ein großer Erfolg für den „Freien Turn- und Sportverein“. Aber auch dieses glanzvolle Ereignis konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das sportliche Leben im gastgebenden Ort Holzerode in geteilten ‚Lagern‘ stattfand: Die Turner von „Treu Deutsch“ waren nämlich trotz Einladung bewusst ferngeblieben, sie hatten an diesem herrlichen Wochenende den Ort verlassen und waren zu einem Schauturnen nach Schwiegershausen gefahren.

Bei diesem Fest präsentierte sich auch zum ersten Mal eine Handballmannschaft des Vereins, das Spiel, das im Gegensatz zu Holzerode vor allem in den drei benachbarten Plessedörfern Spanbeck, Oberbillingshausen und Reyershausen zur Hauptsportart wurde.

Immer wieder eindrucksvoll waren auch die regelmäßigen Auftritte der ‚Schwerathleten‘ im Verein,

an deren Übungen und Darbietungen auch schon Kinder und Jugendliche teilnahmen – typisch für den Arbeitersport in dieser Zeit; es sollte zumindest physische Stärke und Gesundheit demonstriert werden.

Bereits drei Jahre später fand der zweite große Höhepunkt in der Holzeröder Sportgeschichte statt. Jetzt feierte der „Deutsche Turn- und Sportverein“ am 09. und 10. Juni 1929 im Rahmen eines Bezirksturnfestes der „Deutschen Turnerschaft“ die Weihe seiner neuen Fahne, jener Fahne, die auch heute noch dem Nachfolgeverein „TSV Holzerode“ bei feierlichen Anlässen vorangetragen wird. Die Fahne war für den damals sehr großen Betrag von 265,00 RM bei „Fahnenmaler“ in Bühle erworben worden.

Vereinsbild anlässlich der Fahnenweihe des „Turn- und Sportvereins Holzerode“ von 1929, aufgenommen vor dem Gasthaus „Zum Strutkrug“

Zur Teilnahme an diesem Sportfest war wiederum der gesamte Ort eingeladen, doch dieses Mal schlossen sich die Arbeitersportler aus. Nach dem Boykott ihres Festes drei Jahren zuvor blieben sie nun ihrerseits diesem Fest fern und machten an diesem Wochenende mit ihren Familien einen ‚Ausflug’ per Rad (!) nach Gebhardshagen bei Kassel; deutlich wurde damit die anhaltende Trennungslinie zwischen den beiden Sportvereinen unterstrichen.

Wie bei dem großen Turnfest der „Freien Turner“ 1926 hatten sich auch bei diesem Bezirksturnfest der „Deutschen Turner“ zahlreiche Aktive aus befreundeten Vereinen angemeldet und das rund um den Strutkrug gefeierte Turnfest wurde ebenfalls ein großer Erfolg, wenn auch nicht ohne kleinere Probleme. Da ein Teil der auswärtigen Aktiven unerwartet bereits nach den Wettkämpfen wieder nach Hause fuhr, sahen sich die Holzeröder Turner plötzlich mit einer ganz speziellen ‚Aufgabe‘ konfrontiert: Sie hatten so viel Bier auf Vorrat bestellt, dass sie nach den sportlichen Aktivitäten am Tage, den zu großen Vorrat abends an der Theke im „Strutkrug“ allein ‚löschen“ mussten. Dass man auf einigen Fässern Bier aus der Nörtener Brauerei Wiederholdt schließlich doch sitzen blieb, war aber die einzige Pleite dieses zweiten großen Turnfestes in der Holzeröder Sportgeschichte der 1920er Jahre. Erreichte das Fest auch längst nicht die Teilnehmerzahlen des „Arbeitersportfestes“ von 1926, so waren die sportlichen Wettkämpfe doch auch sehr abwechslungsreich. Die Wettkampfplätze lagen alle in der Nähe des Festsaales Fahlbusch: Der 100m-Lauf fand auf dem Feldweg bei Wilhelm Schnur (heute die „Struthbreite“) statt, zwei Weitsprunggruben lagen gegenüber dem „Strutkrug“ und geturnt wurde auf dem Saale.

Auch das sportliche Alltagsleben der „Deutschen Turner“ gestaltete sich kontinuierlich mit großen Fortschritten. Zweimal wöchentlich wurde unter Leitung des hervorragenden Vorturners August Meyer geturnt und auch hier schon bald eine Jugendgruppe unter Leitung von Wilhelm Dettmar eingerichtet. Neben dem Gerätturnen wurde im Sommer noch des „volkstümliche Turnen“, die heutige Leichtathletik betrieben. Höhepunkte im sportlichen Jahresablauf waren jeweils das An- und Abturnen im Frühjahr und im Herbst, einmal im Jahr das „Pokalturnen“ mit befreundeten DT-Vereinen aus Ebergötzen, Waake und Klein-Lengden sowie die Teilnahme an den „Reichsjugendwettkämpfen“.  Bei diesen Wettkämpfen war man übrigens – nolens volens – zusammen mit den Holzeröder Arbeitersportlern in einer Arbeitsgemeinschaft unter Leitung des Landolfshäuser Lehrers Bote. Sie wurden im jährlichen Wechsel jeweils in einem anderen Ort durchgeführt. Und die sportlichen Erfolge ließen auch in diesem jungen Verein nicht lange auf sich warten. Herausragend war dabei sicherlich der Gewinn des 4 x100m-Staffellaufs in Spanbeck u.a. mit den Staffelmitgliedern Paul Hemmers und Wilhelm Dettmar. Wilhelm Dettmar war überhaupt einer der vielseitigsten Mitglieder. Er war nicht nur als Vorstandsmitglied in den Ämtern des Schriftführers ab 1929 (nach dem Tode des Revierförsters Wilhelm Hemmers), als Jugendgruppenvorturner und als 1. Vorsitzender („Präsident“) von 1932-1934tätig, er war auch das einzige Vereinsmitglied, das in Bovenden das Sportabzeichen errang, und zwar mit sehr respektablen Leistungen: 38 Min. für die 10000m-Strecke, 12,2 Sek. über 100m und einer weite von 9,50m im Kugelstoßen.

Bei aller sonstiger Gegensätzlichkeit der beiden Vereine wurde eine große Gemeinschaftsleistung von Sportbegeisterten im Dorf aber doch zusammen realisiert, und zwar der Bau einer Badeanstalt ab 1928.

Hand- und Spanndienst beim Bau der Badeanstalt 1928/29

Unterhalb der aus „Bauers Berg“ heraus fließenden Beverquelle in der Eichstrasse (heute auf dem Gelände hinter der Tischlerei von Christian Dehn) wurde im Sommer 1929 ein ausgemauertes Becken mit den Maßen von ca. 30 x 10 Metern mit Flach- und Tiefwasser von der ganzen Dorfgemeinschaft eingeweiht. Dies wurde der Ort, an dem von da ab regelmäßig auch Schul- und Vereinsschwimmen stattfand und viele Holzeröder bis Mitte der 1950er Jahre auch das Schwimmen erlernten. Diese Badeanstalt wurde in den 1950er Jahren wegen vermeintlich nicht mehr ausreichender hygienischer Standards auf Anordnung der Kreisverwaltung wieder geschlossen und dann eingeebnet.

Die Entwicklung des Holzeröder Sportvereinswesens in der Zeit des Nationalsozialismus – Zwangsauflösung und notgedrungene Aufgabe des Sportbetriebs

Schon seit Beginn der 1930er Jahre war die weitere Entwicklung des Sports und der Sportvereine auch in Holzerode durch die Verschärfung der allgemeinen politischen Spannungen in der Weimarer Republik geprägt. Das Geschehen in der ‚großen Politik“ fand auch unmittelbar im dörflichen Lebens seinen Niederschlag. Die Konfrontationen zwischen den politischen Gegnern und die zunehmenden Intoleranzen wirkten immer tiefer in alle gesellschaftlichen Bereiche hinein und hatten letztlich auch existentielle Folgen für das sportliche Alltagsleben.

Bereits wenige Monate nach der sogenannten ‚Machtergreifung‘ durch die Nationalsozialisten und dem Beginn ihrer diktatorischen Herrschaft in ganz Deutschland überschlugen sich im Mai 1933 auch in unserem Ort die Ereignisse. Traditionsgemäß war der 01. Mai, der „Tag der Arbeit“, von den Arbeitern und ihren Organisationen – dem „Freien Jugend-Turn- und Sportverein“, dem Gesangverein „Waldesgrün“, dem örtlichen Gewerkschaftskartell und dem SPD-Ortsverein – wieder mit einem großen, musikbegleiteten Umzug durch das Dorf gefeiert worden. Dieses selbstbewusste und furchtlose Auftreten war den neuen Machthabern offensichtlich der gewünschte Anlass, schon wenige Tage später die zwangsweise Auflösung dieser Organisationen wegen sogenannter „staatsfeindlicher Aktivitäten“ anzuordnen. Dabei wurden auch das gesamte Vermögen und die Vereinsunterlagen der „Freien Turner“ beschlagnahmt. Allerdings gelang es der Vereinsführung noch, wenigstens ihre Sport- und Turngeräte offiziell der Schule zu übergeben.

Im Unterschied zum Arbeitersportverein musste der zweite Sportverein im Ort zunächst mit keinerlei Beeinträchtigung durch die Nationalsozialisten rechnen. Die „DeutscheTurnerschaft“ und ihre Mitgliedsvereine galten dem neuen System als loyale Vereinigungen und viele ihrer Mitglieder waren auch in Holzerode schon in die örtliche Gliederungen der SA oder der NSDAP eingetreten. Aber auf längere Sicht wurde auch auf der gesellschaftlichen Ebene des Sports deutlich, dass der totalitäre Apparat der Nationalsozialismus letztlich die totale Kontrolle beanspruchte und nur noch systemtreue Vereinsaktivitäten duldeten. Darüber hinaus nahm schon in den ersten Jahren der NS-Diktatur die Teilnahme an ‚Diensten‘ in der SA und in der Partei sowie bei den Kindern und  Jugendlichen in der „Hitler-Jugend“ so viel Zeit der Mitglieder n Anspruch, dass für andere Aktivitäten kaum noch Raum und Zeit blieb. Unter dieser Doppelbelastung wurden dem verbliebenen Turnverein „Treu Deutsch“ allmählich von innen heraus die Kräfte entzogen. Die Brüder Wilhelm und Heinrich Dettmar (in Nachfolge seines Bruders von 1934-1936 Vereinsvorsitzender) sowie der engagierte Vorturner August Meyer hielten den Sportbetrieb zwar noch über einige Jahre aufrecht, aber 1936 kam es schließlich mit der Auflösung des nationalen Dachverbandes der „Deutschen Turnerschaft“ auch in Holzerode zur Einstellung des Turnbetriebs. Damit gab es – nach nur eineinhalb Jahrzehnten besonders intensiver und erfolgreicher sportlicher Aktivitäten – von 1937 bis zum Ende des 2.Weltkriegs 1945 keinen eigenen Vereinssport mehr in unserem Ort.

Die Reaktivierung sportlichen Lebens und die Wiederbegründung eines Sportvereins in der frühen Nachkriegszeit nach 1945

Als man nach harten Entbehrungen und bitteren Kriegserfahrungen im Herbst 1945 daran ging, das sportliche Leben wieder in Gang zu bringen, waren die Lebensbedingungen im Ort grundlegend verändert. Als unmittelbare Kriegsfolge strömten zahlreiche Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten nach Westen und erreichten auch Holzerode, jetzt in der westlichen britischen Besatzungszone gelegen; dazu kamen die sog. ‚Evakuierten‘ aus den bombardierten Städten vor allem im Westen, aber vor allem auch aus Hannover. Die Einwohnerzahl des ehemals kleinen Ortes erfuhr dadurch in den ersten Nachkriegsjahren rund eine Verdoppelung und wuchs auf fast 1000 Personen an. So mussten die Menschen, noch geprägt von den Leiden des Krieges, unter den dürftigen materiellen Bedingungen auf engstem Raum miteinander leben. In dieser Situation war der Sport vielen eine Hilfe, wieder Lebensfreude und Lebensmut zu gewinnen.

Das Interesse, wieder selbstbestimmt und in freier Entscheidung aktiv zu werden, führte zuerst die Turner wieder zusammen, die sich um den erfahrenen Wilhelm Rühling versammelten. Dabei spielte die Frage, an welche Tradition man nun anknüpfte sollte, zunächst überhaupt keine Rolle. Kurz vor den Weihnachtstagen des Jahres 1945 bildete sich die erste Nachkriegsgruppe um die jungen Turner Willi Finke,  Gerd Bornträger, Horst Bährens und Helmut Bährens und bestimmte Willi Finke zu ihrem Sprecher. Damit hatte der bald ins Leben tretende, aber zu dieser Zeit noch inoffizielle Sportverein quasi seinen ersten kommissarischen Vorsitzenden gefunden, der dann aber bald von dem ersten offiziell gewählten 1. Vorsitzenden August Thiele abgelöst wurde. Als im Winter und Frühjahr aktive Vorkriegsmitglieder vor allem aus dem ehemaligen Arbeitersportverein hinzukamen, tauchte teilweise die Forderung auf, direkt an deren alte Vereinstradition anzuknüpfen. Doch als man im Laufe des Jahres 1946 mehr und mehr zu einem wieder richtigen Vereinsgefüge zusammenwuchs, wurde eine eventuelle Festlegung als ‚Richtungsverein‘ im Sinne einer bestimmten politischen Grundhaltung bewusst vermieden. Offensichtlich hatte man aus den Brüchen der Vergangenheit gelernt, Brüche, die gerade in der kleinen dörflichen Gemeinschaft zu tiefen Verletzungen innerhalb von Nachbarschaften und Familien geführt hatten. Darüber hinaus galt es jetzt in der politischen und wirtschaftlichen Notsituation nach der Befreiung vom Nationalsozialismus alle Kräfte für den Wiederaufbau der gemeinschaftlichen Einrichtungen auf demokratischer und überparteilicher Basis zu bündeln.

In dem ersten erhaltenen Dokument des wieder begründeten Nachfolgevereins (und keinesfalls neubegründeten, denn der Arbeitersportverein von 1921 hatte sich ja nie selbst aufgelöst, sondern war 1933 ‚zwangsaufgelöst‘ worden), einer Mitgliederliste vom 26. September 1946, deklarierte sich dieser jetzt ganz neutral als „Turn- und Sportverein Holzerode“ (TSV Holzerode).

Durch diese Offenheit gegenüber beiden Traditionssträngen des organisierten Sports in Holzerode wurde deutlich, dass der ‚neue‘ TSV für alle Sportinteressierten unabhängig von ihrer politischen Grundüberzeugung  offen (allerdings bei der jetzt gebotenen klaren Ablehnung des Nationalsozialismus) und in Zukunft allein die Zusammenarbeit auf der Basis sportlicher Werte und Regeln angesagt war. Neben dem Turnbetrieb entwickelten sich bald auch noch andere sportliche Interessen, wobei das Fußballspiel in den Mittelpunkt rückte. Diese brachten insbesondere die als Flüchtlinge und Evakuierte dazu gekommenen ‚Neubürger‘ mit ein. Ende 1946 kam z.B. Friedrich Jurgeleit aus der Kriegsgefangenschaft und bildete zusammen mit seinem Bruder Erich und dem westdeutschen Landsmann Fritz Hofmann die Kernzelle der nun bald einsetzenden ‚Fußballerei‘ in Holzerode.  Friedrich und Erich Jurgeleit hatten schon in ihrer Heimatstadt Duisburg höherklassig Fußball gespielt und Erich war auch sogleich nach seiner Ansiedlung in Holzerode im Jahre 1945 bei den Fußballern in Weende gelandet. Zunächst begann eine noch ‚wilde‘ Spielerei auf einer Wiese neben dem heutigen „Neuen Friedhof“, wo die Tore noch durch Bohnenstangen markiert wurden. Die Attraktivität dieses Spiels war so groß, dass schon bald ein größerer Kreis auch seitens der Turner mitspielte und die Idee einer festen Organisation Gestalt annahm. So kam es am 01. Februar 1947 zur Gründung einer Fußballabteilung im TSV Holzerode, an deren Spitze Paul Baron gewählt wurde, bald danach auch zum 1. Vorsitzenden des gesamten Vereins.

Durch die Gründung der Fußballabteilung erhöhte sich die personelle Größe des neuen Vereins sehr schnell auf etwa 40 Mitglieder, so dass es notwendig wurde, den Verein auch offiziell bei der alliierten Militärregierung anzumelden. Auf Antrag des 1. Vorsitzenden Paul Baron, des Schriftführers Erich Finke und des Schatzmeisters Günther Döring wurde dann auch am 02. Februar 1948 die Bildung eines „Turn- und Sportvereins“ zum Zwecke der Jugendpflege und des Sports von der regionalen britischen Militärverwaltung genehmigt. Unter demselben Datum wurde die Fußballabteilung auch in den Kreisfußballverband aufgenommen.

Administrative oder politische Probleme hatte man also am Anfang keine, dafür aber umso mehr materielle und finanzielle, entsprechend der allgemeinen Notsituation der Nachkriegsjahre in Deutschland. Einige, heute als Kuriositäten erscheinende Anekdoten verdeutlichen dies. Bei den Vorbereitungsspielen zum künftigen Punktspielbetrieb der Fußballer stand zunächst Horst Bährens im Tor, der sich als Schneider seinen Torwartanzug noch selbst genäht hatte. Es war überhaupt erstaunlich, wie die Not in diesen Jahren erfinderisch machte. So hatte man die Mittel für den ersten richtigen Lederball ‚flüssig gemacht‘, indem man kurz entschlossen Lebensmittelmarken, „Fettmarken“, sammelte. Dem Verein standen zunächst auch nur ein Paar (!) richtige Fußballschuhe aus der zentralen Sportartikelverteilung des Kreissportbundes zur Verfügung, und es war klar, sozusagen Ehrensache, dass sie dem Mannschaftsführer zur Verfügung gestellt wurden.

Im Frühjahr 1948 wurde die junge Mannschaft dann noch durch einen Spieler verstärkt, der fortan für viele Jahre die Geschicke des Vereins entscheidend mitbestimmen sollte: Hans Wieczorek. Zuerst übernahm er nur die Aufgabe, das Tor zu hüten. Nachdem dann aber der bisherige 1. Vorsitzende Paul Baron mit der Vereinskasse „das Weite gesucht“ hatte, sprang Hans Wieczorek in die Bresche und übernahm die Leitung des Vereins; 2. Vorsitzender wurde Albert Vollbrecht und Schatzmeister Otto Finke jun.. Mit Hans Wieczorek verband sich dann sogleich die erste große ‚Ära ‘des Fußballsports im TSV Holzerode; von nun an waren für zwei Jahrzehnte fast alle Aktivitäten auf das ‚runde Leder‘ ausgerichtet.

Bereits im Sommer 1948 erlebte das Dorf einen ersten fußballerischen Höhepunkt: Eine Holzeröder Mannschaft spielte im Rahmen eines von den Jurgeleits arrangierten Einladungsspieles gegen den westdeutschen Amateur-Oberligisten „VFB Duisburg-Ruhrort“ (einem sog. „Mettwurstspiel“, bei dem die ‚hungernden‘ Städter gern aufs Land fuhren, um sich einmal satt zu essen) und siegte 2:1. Nach dem Beginn der Punktspielserie am 12. September 1948 in der Kreisklasse Nord des Kreisfußballverbandes Göttingen konnte bald die Tabellenspitze erkämpft werden. Zusammen mit der „Spielvereinigung Göttingen“ (SVG III) wurde die erste Saison 1948/49 auf Rang 1 der Tabelle beendet.

Hatten die Sportler in den 1920er Jahren ihrer großen Turnerbälle zumeist im geschlossenen Rahmen mit ihren Mitgliedern und Anhängern gefeiert, so feierten die Fußballer in dieser schwierigen Nachkriegszeit wenige Monate nach der Währungsreform jetzt mit einem öffentlichen Tanzvergnügen für die gesamte Ortsbevölkerung. Nach dramatischen Kämpfen der 2. Mannschaft gegen Renshausen und der 1. Mannschaft gegen Rot-Weiß Göttingen (5:4 nach Halbzeitrückstand von 1:4) am Nachmittag versammelte man sich am 17. Oktober 1948 abends auf dem Saale Rühling, um endlich wieder einmal unbeschwerte Stunden im großen Kreis der sich aus ‚Einheimischen‘ und ‚Flüchtlingen‘ neu zusammenfindenden Dorfgemeinschaft  zu erleben. Eine 16-Mann-Kapelle (!), die „Musik-Mixet“, sorgten für Unterhaltung. Als besondere Attraktion hatte man aus Hannover den bekannten Conférencier „Osrani, den Einmaligen“ engagiert, der aber leider nur mit einem einmaligen Auftritt erfreuen konnte. Zum einen war er bald zu betrunken für weitere Einlagen und zum anderen musste er auch den freundschaftlichen Schlag erst verdauen, mit dem Mittelstürmer Erich Jurgeleit nach seinem Zylinder gelangt hatte.

Einladungsplakat mit Programm 1948

Die Wiederaufnahme des traditionsreichen Geräteturnens im Ort war leider nur von kurzer Dauer. Zwar gab es vielversprechende Ansätze und unter günstigeren Umständen hätten die jungen Nachkriegsturner vielleicht auch die große Tradition der Vätergeneration fortsetzen können. Nachdem man noch bei 40jährigen Jubiläumsturnfest in Herberhausen Mitte 1947 mit einer Turnerriege gestartet war, stellte die erste Sportgruppe des Vereins nach dem Kriege ihren Betrieb schon wieder ein. Der Fußballsport dominierte von jetzt ab für mindestens zwei Jahrzehnte den Vereinsbetrieb.

Neben den auf dem Mannschaftsbild abgebildeten Spielern gehörten zu dieser Zeit noch Werner Petsch, Manfred Pichottka, Edemund und Alfons Behmke und Helmut Waldmann zur Mannschaft.

Der sportliche Erfolg auf dem Spielfeld war also inzwischen voll da, Schwierigkeiten gab es jedoch mit der Sportplatznutzung. Nachdem der Platz (richtiger die Wiese) am „Neuen Friedhof“ schon Mitte 1947 durch den Eigentümer wegen landwirtschaftlicher Nutzung gesperrt worden und man auf die Forstwiese am Osterholz – die Stätte der ersten Fußballaktivitäten aus den 1920er Jahren – umgezogen war, gab es auch hier bald Schwierigkeiten. Im September 1948 hatte der örtliche Revierförster Nethe zum nachfolgenden 01. Oktober die Benutzung des im Forsteigentum befindlichen Platzes am Osterholz untersagt, so dass dem Verein drohte, bald ohne Sportstätte dazu stehen. Am 25. September beantragte daher der Vorstand umgehend bei der Forstverwaltung die Pachtung des Platzes, erhielt jedoch zunächst keine Antwort. Selbst die Einschaltung des Gemeinderates und der örtlichen Lehrer Liers, Albermann und Jahn – schließlich sogar des Landrates Ernst Fahlbusch – blieben zunächst ohne Erfolg. Stattdessen pflügte am 10. Dezember der Bauer Albert Meyer den Platz um und eine weitere Nutzung erschien noch unwahrscheinlicher. Man musste deshalb nach Billingshausen ausweichen und seit Ende 1948 auf dem dortigen Sportplatz die ‚Heimspiele‘ austragen. Erst zum Frühjahr 1949 hatten die Bemühungen um die Nutzung des Platzes am Osterholz Erfolg. Vom zuständigen Forstamt in Sarstedt bekam man jetzt den gewünschten Pachtvertrag und wurde nun endgültig für viele Jahre am Osterholz heimisch. Da der alte Platz immer schon etwas zu klein war und auch eine ungünstige Ausrichtung hatte, ging man sogleich auch an eine Umgestaltung. Man verlegte ihn geringfügig und ‚drehte‘ ihn um 90 Grad. Am 21. August 1949 feierte der Verein dann im festlichen Rahmen die Einweihung des neugestalteten Platzes mit einem sogenannten ‚Fußball-Blitzturnier‘. Welche starke Anziehungskraft der Fußballsport in diesen Jahren ausübte, wurde bei einem weiteren großen Ereignis deutlich als am 27. August 1950 eine kombinierte Mannschaft aus Waake, Ebergötzen, Landolfshausen und Holzerode wiederum gegen einen westdeutschen Gastclub antrat (den Club „Rheinland Duisburg-Ruhrort“) und sich auf dem Sportplatz am Osterholz nicht weniger als 1600 Zuschauer (!) einfanden. Wenn der sportliche Erfolg diesmal auch ausblieb (1:6 Niederlage), so hatte doch der Kassenwart große Freude an diesem Treffen.

In Konkurrenz zum „Wirtschaftswunder“

Anfang der 50er Jahre war diese erste begeisternde Phase im Holzeröder Nachkriegsfußball allerdings schon wieder vorbei. Die Jahre des beginnenden wirtschaftlichen Aufschwungs, des sog. „Wirtschaftswunders“, boten ungünstige Bedingungen für den ländlichen Amateursport. Nach dem Idealismus noch in der ersten Nachkriegszeit war man nun eher ‚materialistisch‘ eingestellt. Den zunehmenden Freizeitangeboten und Konsummöglichkeiten, besonders das sehr beliebte Kinoangebot in Göttingen, hatte der kleine Verein, in dem nur Fußball gespielt werden konnte, keine entsprechend anziehenden Alternativen entgegenzusetzen. Eine Damen-Gymnastikgruppe, in der Zweckgymnastik und Volkstanz betrieben wurde, brachte zwar das erste spezielle Sportangebot für Frauen im Verein, aber diese im Jahre 1950 von Anna Biskup gegründete und geleitete Gruppe bestand nur bis 1952. Einem in diesen Jahren von Hermann Werder jun., der selbst noch als Boxer in Göttingen aktiv war, unternommener Versuch, den Turnbetrieb zumindest für Schüler und Jugendliche wieder zu beleben, war ebenfalls nur eine kurzlebige Episode.

Angesichts dieser geringen Breitenwirkung und mangelnden Beteiligung am Vereinsgeschehen wurde 1953 vereinzelt sogar die Forderung laut, man solle den Verein doch wieder ganz auflösen. Dem damaligen 1. Vorsitzenden Hans Wieczorek und dem Kreissportbund ist es zu verdanken, dass diese Forderungen nicht durchdrangen und die große ‚Durststrecke‘ in der Vereinsentwicklung mit unermüdlichem Engagement überstanden wurde. Und als dann im Fußball eine neue Generation von Spielern herangewachsen war, konnte man ab 1956 wieder an die erste erfolgreiche Nachkriegszeit anknüpfen. Hans Wieczorek konnte zusammen mit seinem jetzigen 2.Vorsitzenden Walter Wienecke, der zugleich Pächter des Vereinslokals „Zur Linde“ (Eigentümer Familie Rühling) war, sogar wieder drei Herrenmannschaften und eine Jugendmannschaft zum Spielbetrieb in den Kreisklassen anmelden. Insbesondere die überraschende Erringung der Fußballweltmeisterschaft durch die bundesrepublikanische Nationalmannschaft 1954 hatte den Fußballsport auch in Holzerode neuerlich populär gemacht. Durch gute Leistungen – insbesondere des jungen Mittelstürmers Siegfried Daberkow – konnte die 1. Mannschaft nach der Saison 1956/57 auch sogleich in die 2. Kreisklasse aufsteigen. Der begeisternde Torjäger erzielte in dieser Saison allein 64 Treffer der über 100 von der Mannschaft insgesamt geschossenen Tore und stellte damit eine überragende Leistung auf – auch insgesamt auf niedersächsischer Ebene.

Die Mannschaft von 1956: Stehend v.l.n.r.: Betreuer Hermann Werder, Werner Thiele, Helmut Behmke, Siegfried Daberkow, Horst Behmke, Dieter Zwirner, Betreuer Arthur Drechsler, knieend v.l.n.r. Albert Drechsler, Reinhard Rau, Willi Vollbrecht, Gerd Duwe, Albert Gunkel und Kurt Finke.

Mit dem Wiederbeginn des Punktspielbetriebes im Fußball stieg auch das allgemeine Interesse im Dorf für den Sport und den TSV wieder deutlich an. Es gab Vereinsausflüge und ab 1960 dann auch wieder erweiterte sportliche Aktivitäten. Unter der Leitung von  Hildegard Woop und Renate Zwinger wurde die Frauengymnastik wiederbelebt und unter der Leitung von Dieter Bährens eine Tischtennisabteilung gegründet (mit dem Saal des Gasthauses „Strutkrug“ als Spielstätte).

Das wichtigste Projekt in dieser Zeit am Übergang in die 1960er Jahre war aber die Renovierung und Erweiterung des Sportplatzes am Osterholz. Der dort seit 1949 bestehende Platz am Osterholz war in seinen Ausmaßen zu klein und musste endlich auf das vorgeschriebene Regelmaß gebracht werden. Man beschloss deshalb, den ganzen Spielbetrieb nach Renshausen zu verlegen, wo man bei den dortigen Sportsfreunden für nur 10.00 DM Miete pro Spieltag deren Platz nutzen konnte. Nach 15 Monaten Bauzeit und vielen freiwilligen Arbeitseinsätzen konnte am 07. August 1961 im Rahmen eines großen Sportfestes der erweiterte und gründlich renovierte Sportplatz am Osterholz seiner Bestimmung übergeben werden. Trotz 1100 freiwilliger Arbeitsstunden der insgesamt jetzt 90 Mitglieder hatte die Erweiterung der Platzanlage auf das jetzt auch überregionalen Ansprüchen gerecht werdende Maß von 105 x 66,5 m immer noch 10.000 DM gekostet, eine für damalige Verhältnisse enorme Summe für den kleinen Verein. Aber es hatte sich gelohnt, was vor allem dem Einsatz des 1. Vorsitzenden Hans Wieczorek und seiner ganzen mittätigen Familie zu verdanken war. Das „Göttinger Tageblatt“ rühmte die Anlage sogar als „einen der besten Plätze des ganzen Kreises“. Nun verfügten die Holzeröder Mannschaften über gute Bedingungen, wenn es dort ‚draußen am Walde (heute in der Nähe des Holzeröder Schützenhauses als Heimstätte der Pfadfinder genutzt) auch weiterhin noch keine Umkleidemöglichkeiten oder fließend Wasser gab; hierfür stand – wie fast auf allen Dörfern dieser Zeit – lediglich nur im Dorf der Clubraum des Vereinslokals „Rühling“  mit einer Blechwanne auf dem Hof zur Verfügung.

Die aber zumindest deutlich verbesserte Situation führte nun auch kontinuierlich fußballinteressierte Sportler aus den Nachbardörfern Spanbeck, Billingshausen und Reyershausen nach Holzerode, denn in diesen Orten konnte nur Handball wettkampfmäßig gespielt werden. Der erste von diesen Spielern ‚von auswärts‘ war Roland Schulz aus Reyershausen, der dann auch fast 10 Jahre lang Stammspieler war (siehe Bild unten, vorne zweiter von links).

Mit der Zeit wurde die 1. Mannschaft des TSV so auch immer stärker, nicht zuletzt durch den kontinuierlichen ‚Einbau‘ jüngerer Spieler aus dem Nachwuchs der A/B-Mannschaft.

Insbesondere bei zahlreichen Pokalspielen war man in den folgenden Sommern sehr erfolgreich. Nach zweimaligem Gewinn des sog. „Eichsfelder Pokals“ (einem ab Anfang der 1960er Jahre jährlich an wechselnden Spielorten stattfindenden Pokalturnier mit den beteiligten Vereinen aus Renshausen, Krebeck, Bodensee, Wollbrandshausen und Seeburg) in den Jahren 1965 in Krebeck und 1967 auf heimischem Platz in Holzerode konnte dieser durch eine große Nachbarschaftsrivalität heiß umkämpfte Wanderpokal 1969 in Wollbrandshausen ein drittes Mal innerhalb von sieben Jahren gewonnen werden und ging endgültig in den Besitz des TSV Holzerode. Das war ein weiterer Höhepunkt in der Geschichte der Holzeröder Fußballer. Und die gute der Form der Mannschaft hielt in diesem Sommer auch noch ein paar Wochen an. Schon bald danach konnte bei

dem traditionellen Ernst-Fahlbusch-Turnier des SC Weende mit einem hohen 5:1-Sieg gegen SV Geismar der dortige Pokal errungen werden und schließlich auch noch als weiterer Höhepunkt beim eigenen Sommersportfest am Osterholz ganz überraschend die Bezirksklassenmannschaft des SC Weende mit 2:1 geschlagen werden.

Sommerfest 1969- Holzerode vs. SC Weende (Bezirksklasse)

Nach dieser erfolgreichen Sommersaison des Holzeröder Fußballs verabschiedete sich dann aber ein Fußballer vom aktiven Wettkampfsport, der sicherlich bis dahin zusammen mit den Jurgeleit-Brüdern der talentierteste und erfolgreichste Spieler aus den eigenen Reihen war, der langjährige Mittelstürmer Siegfried Daberkow. Für seine Leistung mit 28 Toren in der letzten Punktspielsaison 1968/69 erhielt er noch einmal einen Ehrenpreis des Vereins. Dieser Abschied vom aktiven Fußballspiel nach 13 Jahren als herausragende Stütze der 1. Mannschaft bedeutete jedoch keinen vollständigen Rückzug aus dem Vereinsgeschehen. In der Jahreshauptversammlung im Dezember 1969 trat er durch die Wahl zum 2. Vorsitzenden sogleich wieder aktiv in die Vereinsführung ein.

Hans Wieczoreks Abschied vom Vorsitz des Vereins nieder und die Erweiterung des Vereinsprofils in den 1970er Jahren

Als dann jedoch eineinhalb Jahre später der 1. Vorsitzende Hans Wieczorek bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 26.02.1971 die Bürde des Vereinsvorsitzenden abgab, ging mit seinem Rücktritt auch erste die große Ära des Fußballsports in Holzerode zu Ende. 23 Jahre hindurch hatte er dem Verein mit großem Engagement zur Verfügung gestanden und dabei auch viele persönliche Opfer an freier Zeit und Arbeitskraft auf sich genommen. Seine Liebe galt dem Fußballsport, dem er seine ganze Kraft mit Leidenschaft widmete. In Anerkennung dieser hohen Verdienste erhielt er dafür im April 1971 aus den Händen des Landessportbund-Präsidenten Albert Lepa beim Kreissporttag die silberne Ehrennadel des Landessportbundes Niedersachsen.

Der Verein war jedoch zu lange überwiegend auf den Fußballsport ausgerichtet gewesen und hatte inzwischen sowie noch 66 Mitglieder und einen dürftigen Kassenstand von ca. 600 DM. Nur durch eine Öffnung für weitere Sportarten über das Fußballspiel hinaus konnte die Stagnation in der Vereinsentwicklung überwunden und neue Mitglieder zur breiteren Unterstützung des Vereins im Ort gewonnen werden. Diese Entwicklung leitete nun der in Nachfolge von Hans Wieczorek neu gewählte 1. Vorsitzende Edmund Behmke mit einem breiter aufgestellten Vorstand ein, zunächst noch mit dem 2. Vorsitzenden Siegfried Daberkow. Als es dann aber schon bald wieder Querelen im Vorstand gab, trat auch er von seinem Amt zurück und es wurde am 15. Mai 1971 noch einmal ein völlig veränderter Vorstand gewählt. In diesem übernahm Heinrich Schnur jetzt das Amt des 2. Vorsitzenden und mit Evelyne Hartmann als Schriftführerin kam auch erstmals eine Frau in den Vorstand; Schatzmeister wurde August Linnemann. Wie die schnell wieder steigenden Mitgliederzahlen in den 1970er Jahren zeigten, war die Überlegung, über den Fußballsport hinaus mehr Sportarten anzubieten, richtig und für die weitere Entwicklung des Vereins zukunftsweisend. Das stieß auch wieder auf großes Interesse im Dorf, wobei die inzwischen im Lande und vom Deutschen Sportbund initiierte Breitensportbewegung „Trimm-dich“ ein weiterer Auslöser war.

Bei der notwendigen Umgestaltung der Vereins kam dem Vorstand entgegen, dass er den Start hierzu sogleich mit einem großen Fest anlässlich des 50jährigen Gründungsjubiläums des ersten Sportvereins von 1921 und der 25jährigen Wiederkehr der Erneuerung des Vereins als TSV nach dem Zweiten Weltkrieg vom 13.-15. August 1971 mit einem umfangreichen sportlichen Programm festlich begehen und eine große dorföffentliche Aufmerksamkeit erzielen konnte. Am feierlichen Kommersabend wurden u. a. zehn Gründungsmitglieder aus dem Jahre 1921 für langjährige Treue zum Sport geehrt werden. Es waren dies die Sportkameraden: Karl Kolle, Heinrich Bohrens. Heinrich Wertheim, Wilhelm Rühling, August Dietrich, Walter Dietrich, August Waldmann, Wilhelm Vollbrecht, Karl Schnur und August Lechte. Aus den Händen des Kreissportbundvorsitzenden Friedel Rosenthal erhielten sie eine Ehrenurkunde sowie die silberne Ehrennadel des Landessportbundes Niedersachsen.

Das gelungene Jubiläumsfest erzeugte einen nachhaltigen Aktivitätsschub, sodass zur Jahreshauptversammlung 1972 schon wieder 138 Mitglieder gezählt werden konnten und sogleich auch die Forderung nach einer neuen, enger am Dorfkern gelegenen Sportanlage aus den Reihen der Mitglieder erhoben wurde. Zugleich wurden auch die früher schon einmal bestehenden Abteilungen „Damengymnastik“ und „Tischtennis“ reaktiviert. Mit Alfred Frixe übernahm sogar ein Mann die Spartenleitung der Abteilung Damengymnastik und  Ingo Hoffmann die der Abteilung „Tischtennis“.

Durch die Erweiterung des Vereinsangebotes mit Aufnahme neuer Sportarten kam nun noch ein weiterer Wunsch zur Optimierung des Sportbetriebs in Holzerode auf die Tagesordnung, der Bau einer Sporthalle. Der Bedarf wurde auch noch durch die Tatsache begründet, dass die bisher einzige gedeckte Sportstätte, die traditionelle Übungsstätte des  Saals der Gastwirtschaft ‚Rühling‘, durch eine Gasexplosion im September 1973 zerstört worden war. Dies war jedoch eine Aufgabe, die nur zusammen mit der politischen Gemeinde Holzerode realisiert werden konnte. Hierfür gab es nicht zuletzt durch besondere Umstände im Zusammenhang mit der zum 01. Januar 1973 sich vollziehenden Gebiets- und Verwaltungsreform von 1973 jedoch eine gute Chance. Bei den Verhandlungen um die Zuordnung von Holzerode als Ortsteil zur neuen Einheitsgemeinde Ebergötzen konnte durch geschicktes Agieren der Holzeröder Kommunalpolitiker –insbesondere des stellv. Bürgermeisters und Tischtennisaktiven Willi Vollbrecht (der „Kruse“) – quasi als ‚Kompensation‘ für den damals von vielen Holzerödern so empfundenen Verlust der Selbständigkeit der Bau eines neuen Sportplatzes mit Mehrzweckhalle am westlichen Dorfeingang erzielt werden. Das Projekt wurde umgehend in Angriff genommen, der Kauf des im Eigentum der Kirchengemeinde befindlichen Geländes durch die Gemeinde Ebergötzen getätigt, der Bauauftrag vergeben und mit dem TSV Holzerode die Einbringung einer erheblichen Eigenleistung vertraglich vereinbart.

Nach zweijähriger mühevoller Arbeit und engagierter Tätigkeit eines verdienstvollen  Kreises von Sportkameradinnen und Sportkameraden konnte zunächst die neue Sportplatzanlage am 16. August 1975 mit einem umfangreichen Festprogramm eingeweiht und von dem Bürgermeister der Gemeinde Ebergötzen/Holzerode, Werner Edel, den Holzeröder Sportaktiven zur Nutzung übergeben werden. 15 Monate später, kurz vor Weihnachten 1976, konnte auch die Mehrzweckhalle in Betrieb genommen werden. Auch dieses erfolgte im Rahmen einer öffentlichen Feier mit Anwesenheit des damaligen Landrats Klaus-Peter Bruns.

Für den Verein war dies ein weiterer großer Fortschritt, denn nun verfügte er erstmals über eine moderne Sporthalle am Ort. Für die Geschichte des Sports in Holzerode, wie auch für die Geschichte des „Turn- und Sportvereins Holzerode“, begann damit ein neues Kapitel in der bis dahin 55jährigen Entwicklung. Jetzt konnte die schon seit Beginn der 1970er Jahre von dem Vorstand eingeleitete Breitensportentwicklung kontinuierlich fortgesetzt werden. Die neuen Sportstätten führten dem TSV immer mehr Mitglieder zu, die mit viel Motivation und weiterem Vorwärtsdrängen Neues schaffen wollten. Hierzu gehörten der Ausbau der Kinderturnabteilung durch Elke Hartmann, die Gründung einer Gymnastikgruppe für ältere Frauen durch Giesela Sternberg, die ersten Versuche mit dem Volleyballspiel unter Leitung des Sportkameraden Oppermann, die Einrichtung einer Schwimmgruppe mit regelmäßigem Besuch der Schwimmhalle in Nörten-Hardenberg, aber auch der weitere Aufstieg der schon etablierten Abteilungen und Gruppen. Bei all diesen Aktivitäten wurden jetzt auch die in den beiden ersten Nachkriegsjahrzehnten infolge der Fußballdominanz beim sportlichen Angebot stark ‚vernachlässigten‘ Frauen und Mädchen zu einer mitbestimmenden Kraft. Auch die Fußballer hatten ihr Zwischentief zu Beginn der 1970er Jahre überwunden und errangen mit einer neuen Mannschaft aus erfahrenen Spielern und jungen Nachwuchstalenten 1975 den Aufstieg in die 1. Kreisklasse und konnten auf dem neuen Sportplatz (allerdings nur vorübergehend) wieder an alte Stärke anknüpfen.

Diese vielfältigen sportlichen Aktivitäten führten jedoch zugleich auch zu umfangreichen Organisationsanforderungen, die über den engeren Vorstand hinaus von einem größeren Kreis von Helfern mit hohem Zeitaufwand bewältigt werden mussten. Erstmalig hatte der Verein ja so etwas wie eine eigene ‚Heimstätte‘, die allerdings auch verwaltet und bewirtschaftet werden musste. So stellten sich für alle Verantwortlichen in dieser Zeit beinahe täglich neue Aufgaben und Fragen, zu denen man im bisherigen kleinen ‚Vereinsmanagement‘ noch keine Erfahrungen sammeln konnte. Dass es dabei auch einmal zu Reibereien und Brüchen kommen konnte, lag in der Natur der Sache. Nach langen Jahren der relativen Stagnation im allgemeinen Sportbetrieb außerhalb des Fußballs brachte das Tempo der 1970er Jahre auch manche Überforderung mit sich. Trotzdem war die Motivation zur Neugestaltung aber auch weiterhin ungebrochen. So wurde schon 1977 der Bau einer Flutlichtanlage für den Sportplatz diskutiert und dann mit einem Finanzvolumen von ca. 18.000 DM 1978 auch realisiert, und schließlich hielt auch noch der Tennissport in dieser Zeit Einzug beim TSV Holzerode. Schon zur Jahreshauptversammlung Ende 1978 hatten interessierte Tennisspieler den Bau einer Platzanlage gefordert, gründeten im Frühjahr 1979 unter Leitung von Dr. Wolfgang Buss eine Tennisabteilung und brachten sogleich auch das Projekt „Tennisplatzbau“ auf den Weg. Schon ein Jahr später konnte auch diese Anlage oberhalb der MZH realisiert werden. In die konkrete Planung kam jetzt auch schon eine Erweiterung der Mehrzweckhalle, um zusammen mit der Laienspielgruppe eine Bühne und zusätzliche Wirtschaftsräume zu schaffen.

Die erste Tennisplatzanlage von 1980, noch Hartplatz mit Kunststoffbelag

So war die Gesamtbilanz der Vereinsentwicklung in den 1970er Jahren schon imposant, zumal auch die fortschreitende allgemeine gesellschaftliche und sportliche Entfaltung in der Bundesrepublik diesem Wachsen sehr entgegenkam. Als das Führungsduo des Vereins, der 1. Vorsitzende Edmund Behmke und der ihn tatkräftig seit 1971 unterstützende 2. Vorsitzende Heinrich Schnur (gleichzeitig als Geschäftsführer) am Ende dieses Jahrzehnts in der Jahreshauptversammlung 1979 Rechenschaft ablegten, verkündeten sie eindrucksvolle Vereinszahlen, die eine positive Veränderung des TSV in dem ablaufenden Jahrzehnt dokumentierten: Von ca. 70 Mitgliedern mit einer Abteilung 1971 war man jetzt auf 270 Mitglieder in sechs Abteilungen gewachsen. Darüber hinaus hatte der Verein hervorragende Sportstätten, „indoor“ und „outdoor“ wie es neudeutsch jetzt hieß, Sportstätten die eine vielfache Weiterentwicklung nicht nur des reinen Sportbetriebs, sondern vor allem über die Mehrzweckhalle auch des sozialen Lebens im Verein ermöglichten. Diese Zahlen sprachen für sich und waren eine klare Erfolgsbilanz. So erteilte die Versammlung dem 1. Vorsitzenden auch einstimmig Dank und Entlastung als er nach fast neun Jahren engagierter Amtsführung gleichzeitig seinen Rücktritt erklärte. Zum Nachfolger von Edmund Behmke wurde Horst Adam als 1. Vorsitzender gewählt.

Unerwartete Rückschläge und Konsolidierungen in den 1980er Jahren

Mit dem Amtsantritt des neuen 1. Vorsitzenden Horst Adam zum Jahresbeginn 1980 hatte der Vorstand aber auch sogleich eine Reihe von noch ungelösten bzw. erst auf den Weg gebrachten Aufgaben zu erledigen: Der zu gestaltende Hallenanbau, der Tennisplatzneubau, die Sicherstellung einer gut organisierten Bewirtschaftung in der MZH und vor allem die Vorbereitung und dann Durchführung der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 60jährigen Bestehen des Vereins im Sommer 1981. Mit Schwung und großem Einsatz ging man an die Sache heran und machte zunächst auf allen Gebieten gute Fortschritte. Schon am 17. Juni 1980 erfolgte die offizielle Einweihung und Übergabe der Tennisplatzanlage, die erste vollständig vereinseigene Sportstätte. Danach standen für die nächsten Monate fast ausschließlich die Festvorbereitungen im Vordergrund. Es wurde ein rundes Sportprogramm erarbeitet, erstmals eine interessante Festzeitschrift mit Bilderausstellung vorbereitet und das Abschlussfest mit Kommers organisiert.

Das Jubiläumsfest selbst brachte dann auch den erhofften guten Erfolg für den Verein. In den Tagen vom 22.-28. Juni 1981 beteiligte sich auch der größte Teil der Ortsbevölkerung sowie zahlreiche auswärtige Gäste an dem Fest. Ein besonderer Höhepunkt war der große Umzug mit allen Abteilungen des Vereins sowie unter Beteiligung der anderen örtlichen Vereine.

die Tennispieler/innen mit ihrem Abteilungsleiter Jürgen Struckmeyer (vorne in der Mitte)
die Gymnastikgruppe mit ihrer Übungsleiterin Gisela Sternberg (ganz rechts) im Festumzug 1981
die Aktiven der Tischtennisabteilung beim Jubiläumsfest 1981. V.l.n.r.: Alfred Frixe, Kurt Waldmann …Pösse, Willi Vollbrecht und Siegfried Daberkow, knieend ??

Nach diesem bunten und fröhlichen Höhepunkt im Vereinsleben setzte aber bald schon wieder das graue Alltagsleben ein. Das Entwicklungstempo vor allem in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, die noch ungelösten Aufgaben beim Hallenaus- und -anbau sowie die Frage einer transparenten und zuverlässigen Bewirtschaftung der Halle überforderten zu diesem Zeitpunkt offensichtlich viele Mitglied in ihrer Bereitschaft zur Mitarbeit – das war allerdings unbedingt notwendig, um den Verein am Funktionieren zu halten. Der Vorstand erhielt nicht mehr ausreichend Unterstützung durch regelmäßige Mitarbeit bei den Arbeitseinsätzen und auch mehrfache Appelle des 1. Vorsitzenden verhallten ohne den gewünschten Effekt. Dieses hatte Horst Adam bei seiner Amtsübernahme so nicht erwartet und dies war sicherlich auch keine Basis für eine erfolgreiche Vorstandsarbeit. Für viele Mitglieder überraschend, von der Sachlage her aber nachvollziehbar erklärte er deshalb am 14. Juni 1982 seinen Rücktritt vom Amt des 1. Vorsitzenden. Da sich in dieser Situation kein anderer als Nachfolger für dieses Amt fand, übernahm zunächst kommissarisch, später durch Wahl bestätigt, der vorherige 1. Vorsitzende Edmund Behmke erneut die Vereinsführung.

Aber auch er konnte das zwischenzeitliche ‚Formtief‘ des Vereins nicht auffangen. Auch im sportlichen Bereich war es inzwischen zu einer relativen Stagnation gekommen, und das auch mit einer gravierenden Veränderung gerade in der Traditionssportart des Vereins, im Fußballspiel. Da man nur noch mit größten Mühen vollständige Mannschaften im Herren- und Jugendbereich aufstellen konnte, musste man schon im Sommer 1981 mit den befreundeten und mit gleichen Problemen konfrontierten Sportkameraden des TSV Renshausen im Fußball fusionieren. So notwendig und richtig diese Entscheidung auch war, sie war aus der Not der Situation geboren und kein Zeichen von Stärke. Noch größere Probleme bekam man jetzt auch mit der Bewirtschaftung der MZH. Immer wieder kam es zu Diskussionen um die damit verbundene Organisation und den notwendigen Ordnungsrahmen, auch um die vereinbarten Abgaben an die Gemeinde, die zu zahlenden Steuern und schließlich auch um eine korrekte und ordnungsgemäße vereinsinterne Abrechnung. In vielen Vorstandssitzungen und bei den Jahreshauptversammlungen 1983 und 1984 standen diese Themen immer wieder mit auf der Tagesordnung und führten zu zunehmendem Unmut. Dies schlug sich auch insgesamt in einer schlechten Stimmungslage im Verein nieder und führte nicht zuletzt auch zu einem erstmals wieder rückläufigen Mitgliederstand. Als es dem Vorsitzenden und seinem Vorstand offensichtlich nicht gelang, ausreichende Ordnung und Klarheit in die Vereinsgeschäfte zu bringen, musste Edmund Behmke am 20. Oktober 1984 von dem Vereinsvorsitz zurücktreten. Sicherlich nicht Vorsatz, sondern vielmehr Unerfahrenheit und eine unangemessene Großzügigkeit mit den wirtschaftlichen Gegebenheiten hatten den Verein in eine bedrohliche finanzielle Schieflage geführt. In dieser prekären Situation übernahm zunächst der amtierende 2. Vorsitzende Heinrich Schnur bis zu den regulären Neuwahlen auf der Jahreshauptversammlung im Januar 1985 die Vereinsführung; dann schied auch er nach 14 Jahren engagierter und verlässlicher Amtsführung als 2. Vorsitzender und zeitweise Geschäftsführer aus dem Vorstand aus.

Bis zu diesem Zeitpunkt im Januar 1985 hatte sich mit Dr. Wolfgang Buss, Heinz Kasper und Detlef Jurgeleit ein neues Führungstrio als 1. und 2. Vorsitzender sowie als Sportwart gefunden, das zur Vorstandskandidatur antrat und auch mit großer Unterstützung der Versammlung einstimmig gewählt wurde. Für den weitgehend neu zusammengesetzten Vorstand galt es jetzt zunächst einmal, die Vereinsgeschäfte zu ordnen, die größten Hindernisse finanzieller und organisatorischer Art kurzfristig aus dem Weg zu räumen und damit die Vereinssituation zu konsolidieren. Für diesen Neuanfang bedurfte es aber auch der Zustimmung möglichst aller Gruppierungen im Verein. Der neue 1. Vorsitzender Wolfgang Buss warb deshalb in einer ersten Amtshandlung mit einem offenen Brief an alle Mitglieder um Unterstützung und ‚Starthilfe‘ bei diesem mehr aus der Not geborenen Vorstandswechsel, der zugleich aber auch ein Generationswechsel war. Die Zielsetzung des neuen Vorstandes wurde nun auch konsequent umgesetzt und es begann – insbesondere mit Unterstützung aus den Abteilungen – wieder ein kontinuierlicher Aufschwung im Verein. Zunächst einmal wurde die Vorstandsarbeit über eine Geschäftsordnung und Aufgabenfestsetzung für den engeren und den erweiterten Kreis klar geordnet, die Abteilungen wurden z.T. neu strukturiert und einer modernen Entwicklung angepasst, sowie auch die Finanzen zunächst mit Hilfe des neuen Schatzmeisters Heino Dressler im Rahmen eines erstmals erstellten Haushaltsplanes für alle Mitglieder transparent gemacht wurden.

Die sportliche Zukunftsorientierung drückte sich weitgehend in der neuen Abteilungsstruktur aus. Mit der Schaffung einer Seniorensport-, einer Frauensport- und einer Freizeitsportabteilung neben den schon bestehenden Abteilungen Kinder und Jugendliche, Fußball, Tischtennis und Tennis war der Schwerpunkt des Vereinsangebotes jetzt noch deutlicher auf Breitensport ausgerichtet. Mit diesen klaren Vorgaben konnte die Alltagsarbeit im Verein bald wieder konsolidiert werden, so dass weitere besondere Ereignisse und Aufgaben in den Blick genommen wurden. Hierbei stand zuerst das nächste kleine Vereinsjubiläum an, die 65-Jahr-Feier im Sommer 1986 sowie natürlich die Fortsetzung und möglichst der Abschluss des noch als ‚Altlast‘ übernommenen Ausbaus der MZH. Beide Aufgaben wurden zu aller Zufriedenheit vom Vorstand und den Abteilungen vorangebracht und mit der Sportwoche zum 65jährigen Jubiläum vom 17.-21. Juni 1986 auch mit viel Freude und Gewinn für die Vereinsgemeinschaft realisiert. Gerade hierbei zeichnete sich die neue Führungsstruktur schon hervorragend aus. Der Sportwart Detlef Jurgeleit hatte die Gesamtkoordination der Abteilungsaktivitäten selbständig in der Hand und der Restvorstand konnte sich anderen Schwerpunkten widmen. Für den Ausbau trug der 2. Vorsitzende Heinz Kasper die Verantwortung und brachte die Arbeiten in de zwei Jahren seiner Amtszeit weitgehend zum Abschluss. Die Gesamtleistung des Vorstands in dieser Amtszeit 1985-87 wurde auch dann nur noch geringfügig beeinträchtigt als im Herbst 1986 der Schatzmeister wegen Inaktivität durch Vorstandsbeschluss aus dem Amt entlassen werden musste. Friedel Jurgeleit, altgedientes und verdientes Mitglied, stellte sich umgehend kommissarisch für die Aufgabe des Schatzmeisters zur Verfügung und die Finanzgeschäfte konnten geordnet in die Jahreshauptversammlung 1987 eingebracht werden. Zum Abschluss dieser schwierigen Übergangszeit hatte der Verein also wieder Anschluss an eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung gefunden. Die Turbulenzen aus den Jahren 1983-1985 waren überwunden, die organisatorischen Bedingungen geordnet sowie modernisiert und die Stimmung im Verein wieder auf Optimismus ausgerichtet. Auch das Angebot wurde sowohl im Kinderbereich als auch bei den Erwachsenen wieder gut angenommen. Schon im Herbst 1986 hatte die Mitgliederzahl erstmalig die Marke 300 überschritten. Letztlich hatte sich die neue Abteilungsstruktur bewährt und bot eine sichere Zukunftsperspektive.

Zur Jahreshauptversammlung 1987 gab es allerdings schon wieder einen Personalwechsel an der Spitze des Vereins, dieses Mal aber nicht in Folge von Schwierigkeiten in der Amtsführung. Dem 1. Vorsitzenden Dr. Wolfgang Buss wurde zum Jahresanfang 1987 die ehrenvolle Kandidatur für das Amt des 1. Vorsitzenden des Dachverbandes der Sportveine auf Kreisebene, des „Kreissportbundes Göttingen“ (KSB), angetragen, und zwar in der Nachfolge des langjährigen Vorsitzenden Friedel Rosenthal und damit erstmalig einem Kandidaten aus einem kleinen, ländlichen Verein.  Wolfgang Buss nahm die Kandidatur an und wurde einstimmig auf dem Kreissporttag 1987 in Weende zum 1. Vorsitzenden des KSB gewählt. Er behielt dieses Amt 14 Jahre lang bis 2001 und vertrat auf dieser Ebene auch seinen Heimatverein, den TSV Holzerode. Zusammen mit Wolfgang Buss trat auch der 2. Vorsitzende Heinz Kasper aus persönlichen Gründen nicht mehr für eine zweite Wahlperiode im TSV an. Für die Jahreshauptversammlung am 23. Januar 1987 galt es nun wiederum, einen neuen 1. und 2. Vorsitzenden zu finden. Dies gelang im Sinne des schon 1985 eingeleiteten Generationswechsels sehr konstruktiv und ohne Probleme. Mit Günter Becker wurde einstimmig ein neuer 1. Vorsitzender gewählt, der von nun an lange Zeit bis 1997 die Vereinsgeschicke hauptverantwortlich und erfolgreich bestimmte. Ihm zur Seite trat als 2. Vorsitzender sein Altersgenosse Wolfgang Schilling. Das Ruder konnte also bruchlos übergeben werden und das Vereinsschiff blieb auf sicherem Erfolgskurs.

Die 1990er Jahre – weitere Aufwärtsentwicklung und einem neuerlichen großen Fest

Nachdem die Grundstruktur für eine dauerhafte und konsensfähige Plattform im Verein wieder gelegt worden war, konnte sich das neue Vorstandsteam um Günter Becker jetzt in Ruhe auf den weiteren Ausbau des Vereins hin zu einem modernen ländlichen Freizeit- und Breitensportverein konzentrieren. Dieses bezog sich sowohl auf die organisatorische als auch auf die bauliche und sportliche Ebene. Zunächst einmal wurden die Arbeiten zum des Ausbaus der MZH konsequent zu Ende geführt, so dass die schon seit 1986 weitgehend in Nutzung befindlichen Räumlichkeiten von Bühne, Küche und Vorratslager vollständig zur Verfügung standen und im Januar 1989 – wiederum nach einer behördenbedingten Verzögerung –  auch offiziell übergeben wurden. Fast zehn Jahre hatte damit das Unternehmen ‚Ausbau und Anbau der MZH‘ bis zu seiner Realisierung gebraucht, was nicht zuletzt zeigt, wie schwierig es in diesen Jahren war, ein solches ‚Großprojekt‘ in einem kleineren Verein wie dem TSV Holzerode weitgehend in Eigenleistung umzusetzen. Letztlich war die Entscheidung jedoch in jeder Hinsicht richtig und notwendig. Sie hat nicht nur den hauptbeteiligten Vereinen, der Laienspielgruppe und dem TSV, wichtige weitere Entfaltungsmöglichkeiten gebracht, sondern auch der gesamten Ortsgemeinschaft für Feste und sonstigen Aktivitäten eine Veranstaltungslokalität im Ort geboten.

Auf der Jahreshauptversammlung 1989 wurde der bewährte Vorstand satzungsgemäß für  zwei weitere Jahre im Amt wiedergewählt. Gleichzeitig wurde zur Absicherung einer kontinuierlichen Vereinsführung durch Satzungsänderung auch festgelegt, dass zukünftig  die Ämter des engeren Vorstandes im jährlichen Wechsel zu besetzen seien. So galt die Wahl des 2. Vorsitzenden und des Schatzmeisters zunächst nur für ein Jahr, damit sich der Wechsel realisieren konnte. Zum Schatzmeister wurde mit Jörg Dix auch eine neue Person ins Amt gebracht, da Friedel Jurgeleit sich altersbedingt aus dem Vorstand verabschiedete. Mit dem besonderen Dank durch die Versammlung und der Ernennung zum Ehrenmitglied wurde sein langjähriger Einsatz für das Vereinswohl seit seinen aktiven Zeiten als Fußballer in den Jahren 1947/48 gewürdigt.

In dieser Zeit vollzog sich auch die Umstellung der Finanz- und Mitgliedsverwaltung des Vereins auf EDV-Basis. Für die Mitgliedsbetreuung wurde jetzt Sigrun Becker, die Ehefrau des Vereinsvorsitzenden Günter Becker, zuständig. Wie schon bei ihrer bisherigen Mitarbeit in der Kinder- und Jugendabteilung sowie der dann bald folgenden Tätigkeit in der neuen Ju-Jutsu-Abteilung ging sie mit großem Einsatz und Sorgfalt an diese Aufgabe und wurde schnell mehr als nur eine wichtige Stütze für ‚ihren‘ Vereinsvorsitzenden. Günter Becker hat nun mit viel Geschick den Verein geführt, hatte aber auch in all den Jahren ein wenig Glück, zumeist ein recht eingespieltes und erfahrenes Vorstandsteam um sich herum zu haben. Als der Schatzmeister Jörg Dix zur Jahreshauptversammlung 1991 nicht mehr zur Verfügung stand, wechselte sogleich der bisherige 2. Vorsitzende Wolfgang Schilling in dieses wichtige Amt herüber und mit der bisherigen Abteilungsleiterin „Kinder- und Jugendsport“ wurde mit Jutta Bährens erstmals eine Frau zur 2. Vorsitzenden gewählt. Danach folgten in diesem Amt von 1993 bis 1996 Uwe Behmke – vorher Abteilungsleiter Freizeitsport –  und seit der Jahreshauptversammlung 1996 Dr. Ulrike Libal mit der Erfahrung als Ratsherrin in der Gemeinde. Von besonderer Bedeutung in dieser Zeit war das Ausscheiden von Eveline Hartmann nach 22jähriger (!), überaus verdienstvoller Tätigkeit im Amt der Schriftführerin zur Jahreshauptversammlung 1993; sie wurde für ihre große Verlässlichkeit und Sorgfalt mit großem Dank verabschiedet. Auch hier fand sich sogleich mit der schon als Frauenwartin im Vorstand bewährten Christine Behmke eine sehr angemessene Nachfolgerin.

Im sportlichen Bereich vollzog sich jetzt endgültig auch im TSV der Um- und Durchbruch zu den inzwischen für viele Vereine charakteristischen ’neuen Ufern‘ der vereinsgebundenen Freizeit- und Bewegungskultur. Einher ging damit allerdings ein zunächst erheblicher Verlust in der Traditionssportart Fußball. Hatte man durch die Fusion mit dem TSV Renshausen 1981 noch an eine wenn auch ungeliebte, aber langfristige Lösung der Probleme geglaubt, so  zeigte sich, dass dieses Modell für die Strukturen in unseren beiden Orten auf Dauer noch nicht tragbar war; hierfür waren keine Differenzen mit den Renshäuser Sportfreunden verantwortlich, sondern allein organisatorische Gründe. Nach der Saison 1988/89 kam jedenfalls im Juni 1989 das vorläufige Ende des wettkampfbetriebenen Fußballs im Herrenbereich des TSV und es erfolgte die Abmeldung aus dem Spielbetrieb beim Kreisfußballverband. Damit ging zunächst einmal eine spezifische Sportkultur im Verein zu Ende, die ihre Anfänge schon im Gründungsjahr des Vereins 1921 hatte, spätestens aber seit der Nachkriegszeit 1947 immer das Bild des TSV Holzerode entscheidend mitgeprägt hatte. Erhalten blieb dem Verein aber wenigstens die Spielgemeinschaft und der -betrieb bei den „Alten Herren“, der aber nur noch breitensport- und freizeitorientiert war. So schmerzlich die Einstellung des Wettkampfbetriebes im Fußballbereich auch von vielen Mitgliedern empfunden wurde, so gab es insgesamt in dieser Zeit aber keineswegs einen Rückschritt im sportlichen Vereinsleben. Im Gegenteil, der Verlust im Fußballbereich wurden durch neue Aktivitäten in anderen Bereichen ausgeglichen. Zum einen entwickelten sich gerade der Kinder- und auch der Seniorensport in großer Vielfalt und zum anderen kam mit Ju Jutsu im September 1989 noch eine neue Abteilung dazu, die bald zur größten im Verein werden sollte und eine völlig neue Akzentuierung brachte. Dies war gut für den Verein insgesamt, wenn auch das Herz aller Traditionalisten und treuen Fußballanhänger traurig war. Die neuen bzw. erweiterten Aktivitäten wurden wie bisher durch den Tischtennis-, den Tennis- und den Frauensport ergänzt, wobei auch diese Abteilungen zwischendurch immer einmal mit wechselndem Zuspruch zu kämpfen hatten, als etablierte Sportart letztlich aber nie in Frage gestellt waren. In der Tischtennisabteilung ruhte allerdings von 1993 bis zum Frühjahr des Jahres 1996 sogar der Spielbetrieb. Zwischenzeitlich erfolgte aber auch hier eine Reaktivierung von bewährten Kräften und die Tradition der Abteilung wurde fortgesetzt. Besonders erfreulich war jetzt die Entwicklung in der Freizeit- und Gesundheitssportabteilung, in der seit Ende 1992 durch eine Ausdifferenzierung drei verschiedene Angebote bestanden: Allgemeiner Spiel- und Sportbetrieb für alle Altersklassen, Fitness- und Gesundheitssport für Männer ab 40 sowie präventive Wirbelsäulengymnastik. So hatte man sich auf dieser Ebene des Sportbetriebs inzwischen ganz vom leistungsorientierten Wettkampfsport gelöst, ohne das hierauf der Vorstand oder eine bestimmte Gruppierung gezielt hingearbeitet hatten. Dies war der „Zeitgeist“ in den Sportvereinen, bei denen die Sportarten ‚nur zum Zuschauen‘ weniger wurden, dafür aber die ‚Mitmach- und Fitnesssportarten‘ zunahmen. Nie vorher waren so viele Mitglieder im TSV regelmäßig aktiv. Vor allem unter gesundheitlichen und den ebenso wichtigen kommunikativen Gründen war dies eine sehr erfreuliche Entwicklung, zumal Veränderungen und Anpassungen an Bedürfnisse z.B. nach einem späteren, neuerlichen Wettkampfbetrieb damit nicht grundsätzlich ausgeschlossen wurden – wie die weitere Entwicklung im Fußball im TSV zeigen sollte.

Auch im geselligen Bereich hat der Verein in diesen 1990er Jahren vielerlei Aktivitäten entwickelt. Als Höhepunkte waren da zunächst die  Sportwoche zum 70jährigen Vereinsbestehen vom 23.-30. Juni 1991, dann die regelmäßigen Weihnachts- und Faschingsfeiern der Senioren, Frauen und Kinder bzw. Knobel- und Grillabende der Altherren-Fußballer, seit 1993 eine Adventswanderung jeweils zum Jahresende sowie im Sommer regelmäßig eine Sportwoche unter Beteiligung aller Abteilungen, darüber hinaus Turniere der Altherren-Fußballer, der Freizeitsportler auf der Beachvolleyballanlage des Vereins und natürlich zahlreiche Tennisturniere auf der Anlage oberhalb der MZH. Absoluter Höhe jeweils in der Wintersaison waren jedoch gerade in dieser Zeit schon die Darbietungen unserer Tanz- und Gymnastikgruppen in den ‚Hallenshows‘ unter der Leitung von Heike Adam. Heike, ein sog. ‚Eigengewächs‘ des Vereins schon aus Kinder- und Jugendjahren, war (und bliebe dies auch noch lange Zeit) die Seele dieser Veranstaltungen und hat mit größtem Engagement, Kreativität und viel künstlerischem Talent immer wieder bewirkt, dass die Halle bei den ‚Showabenden‘ nicht nur mit Vereinsmitgliedern, sondern auch mit Besuchern aus den umliegenden Dörfern zumeist überfüllt war.

Der Höhepunkt im Vereinsgeschehen der 1990er Jahre war dann aber das Jubiläumsfest zum 75jährigen Bestehen des TSV Holzerode im Sommer 1996. Das Fest wurde mit einer großen Sportwoche vom 10.-18. August rund um die Sportanlagen an und in der MHZ gefeiert.

Mit einem engagierten Vorstand und vielen Helfern konnte Günther Becker dann mit diesem Jubiläumsfest der Geschichte des TSV Holzerode ein weiteres glanzvolles Kapitel hinzufügen. Es waren erlebnisreiche Tage, wie sie in der Breite des Sports Holzerode noch nicht erlebt hatte und an denen sich nicht nur beim Festball zum Ende der Woche, sondern auch beim abschließenden Festumzug am 18. August 1996 alle örtlichen Vereine und etliche Gastvereine beteiligten.

                                                        Fortsetzung folgt!

Prof. Dr. Wolfgang Buss

(Diese Vereinsgeschichte beruht auf zahlreichen Quellen: Eigenrecherchen des Autors, Gesprächen mit  Zeitzeugen zurückgehend bis in die 1920er Jahre, Vereinsunterlagen sowie einem früheren Text von Prof. Dr. Hartmut Titze)